Arbeiten wir an den richtigen Punkten?

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Arbeiten wir an den richtigen Punkten?
Foto von Ibrahim Musa auf Unsplash

Seit der Einführung des Notfallsanitätergesetzes im Jahr 2014 hat sich in der rettungsdienstlichen Bildung viel bewegt. Zahlreiche Bildungseinrichtungen haben Ausbildungsprogramme angepasst, Kompetenzprofile geschärft und praktische Lernsettings weiterentwickelt. Gleichzeitig entsteht bei mir der Eindruck, dass viele der grundlegenden Herausforderungen im Rettungsdienst deutlich älter sind als dieses Gesetz – und dass wir auf einige bekannte Entwicklungen bis heute nur unzureichend reagieren.

Vielleicht arbeiten wir intensiv.
Aber arbeiten wir auch an den richtigen Punkten?

Bekannte Entwicklungen – seit Jahren sichtbar

1. Demographischer Wandel und veränderte Einsatzrealitäten

Der demographische Wandel beeinflusst die Notfallversorgung seit Jahren messbar. Studien zeigen, dass eine alternde Bevölkerung die Inanspruchnahme präklinischer Notfallversorgung erhöht und insbesondere komplexe Versorgungssituationen mit multimorbiden Patient*innen wahrscheinlicher werden. Für Bayern wurde beispielsweise modelliert, dass allein durch die Bevölkerungsalterung die Nachfrage nach Rettungsdienstleistungen deutlich steigen wird.

Gleichzeitig verändert sich die Art der Einsätze. Für Hamburg wurde zuletzt beschrieben, dass insbesondere nicht-kritische Rettungseinsätze deutlich zunehmen, während hochkritische Einsätze relativ abnehmen.

Eine persönliche Erinnerung dazu begleitet mich seit meiner Rettungsassistentenschule 2008. Ein Dozent formulierte damals sinngemäß:

„Wir transportieren Patientinnen, die entweder zu krank oder nicht krank genug fürs Krankenhaus sind.“*

Damals klang das zugespitzt. Heute wirkt es erstaunlich aktuell.

2. Steigende Einsatzzahlen – aber komplexere Ursachen

Steigende Alarmierungszahlen werden häufig vorschnell mit „Bagatelleinsätzen“ erklärt. Die Datenlage ist differenzierter.

Eine große Berliner Analyse von 1,5 Millionen Notrufen zeigt, dass die Zunahme der Notrufnutzung eben nicht primär durch niedrig-priorisierte Einsätze erklärt werden kann.

Das widerspricht teilweise einer verbreiteten Alltagsthese im Rettungsdienst.

3. Ausbildung des Rettungssanitäters

Die 520-Stunden-Ausbildung des Rettungssanitäters bleibt angesichts sehr unterschiedlicher Einsatzfelder diskussionswürdig. Auch das ist nicht neu.

Denn zwischen:

  • Katastrophenschutz
  • Krankentransport
  • Notfallrettung

liegen teilweise stark divergierende Kompetenzanforderungen.

Hier stellt sich weiterhin die Frage, ob bestehende Qualifikationswege die tatsächliche Komplexität des Berufsfeldes ausreichend abbilden.

4. Karrierewege und akademische Entwicklung

Die Durchlässigkeit im Berufsfeld verbessert sich zwar langsam, dennoch bleiben Fragen offen:

  • Wie entwickeln sich akademische Laufbahnen?
  • Welche Rollen entstehen künftig?
  • Wie gelingt professionelle Weiterentwicklung jenseits klassischer Hierarchien?

Gerade in einem zunehmend komplexen Gesundheitswesen erscheint berufliche Anschlussfähigkeit zentral. Es gibt entsprechende Ideen dazu, das bedeutet aber auch, dass wir die Menschen schon in der Ausbildung auf diese möglicherweise neuen Begebenheiten und veränderte interprofessionelle Zusammenarbeit, wie auch die durchgehende Veränderung ihres eigenen Berufs mit vorbereiten müssen. Und wenn wir nicht vorhersagen können, wie die Entwicklung tatsächlich sein wird, gilt es sie auf diese Unsicherheiten vorzubereiten.

5. Strukturreformen im Gesundheitssystem

Auch gesundheitspolitisch sind bekannte Baustellen sichtbar.

Der Rettungsdienst wird bisher im Sozialgesetzbuch V weitgehend im Kontext von Fahrkosten abgebildet. Reformvorschläge zielen seit Jahren darauf, die medizinische Leistung des Rettungsdienstes stärker als eigenständigen Versorgungsbereich zu definieren.

Das ist mehr als eine Abrechnungsfrage.
Es betrifft die Rolle des Rettungsdienstes im gesamten Versorgungssystem.

6. Pädagogische Weiterentwicklung

Wenn sich Einsatzrealitäten verändern, reicht es nicht, Inhalte anzupassen.

Dann müssen wir auch fragen:

Wie lernen Menschen eigentlich, mit Komplexität umzugehen?

Die Entwicklung handlungskompetenter Fachkräfte verlangt mehr als Stoffvermittlung.

Benötigt werden unter anderem:

  • Entscheidungsfähigkeit
  • Reflexionskompetenz
  • Umgang mit Unsicherheit
  • adaptive Problemlösung

Genau hier sehe ich großen Entwicklungsbedarf in curricularen Modellen.

7. Finanzierung sozialer Sicherungssysteme

Die Belastung von Kranken- und Rentensystemen durch demographische Entwicklungen ist breit dokumentiert.

Für den Rettungsdienst bedeutet das indirekt:

Ressourcenfragen werden zukünftig noch relevanter.

8. Klimawandel und Krisendynamiken

Zusätzlich treten neue Belastungen hinzu:

  • Hitzeereignisse
  • Extremwetter
  • Migration
  • Ressourcenknappheit
  • Pandemien

Diese Faktoren können Versorgungssysteme kurzfristig aber auch langfristig stückchenweise destabilisieren.

Das eigentliche Problem

Viele dieser Entwicklungen sind nicht neu.

Sie sind seit Jahren – teilweise seit Jahrzehnten – bekannt.

Und genau das erzeugt Frustration.

Nicht, weil nichts passiert.

Sondern weil bekannte Trends oft langsamer in Bildungsstrukturen übersetzt werden, als sich die Realität verändert.

Was zusätzlich schwieriger wird: Unsicherheit

Neben bekannten Entwicklungen erleben wir zunehmend auch Formen von Unsicherheit, die sich nur schwer linear planen lassen.

Lange wurde dafür häufig das Konzept der VUCA-Welt genutzt. VUCA beschreibt Kontexte, die geprägt sind durch:

  • Volatility (Volatilität)
  • Uncertainty (Unsicherheit)
  • Complexity (Komplexität)
  • Ambiguity (Mehrdeutigkeit)

Für viele Bereiche der Notfallmedizin passt dieses Bild gut: Rahmenbedingungen verändern sich schnell, Informationen sind unvollständig, Systeme greifen komplex ineinander und Situationen lassen sich nicht immer eindeutig interpretieren.

Gleichzeitig wird zunehmend diskutiert, ob VUCA allein noch ausreicht, um die gegenwärtige Dynamik zu beschreiben. Mit dem Begriff BANI wurde ein ergänzendes Deutungsmodell vorgeschlagen. BANI steht für:

  • Brittle (brüchig)
  • Anxious (angstauslösend)
  • Nonlinear (nicht-linear)
  • Incomprehensible (schwer begreifbar)

Während VUCA vor allem die strukturelle Komplexität betont, lenkt BANI den Blick stärker auf die Erfahrung moderner Krisen: Systeme wirken stabil, können aber plötzlich kippen. Kleine Auslöser können große Folgen haben. Entwicklungen verlaufen nicht proportional. Und manches bleibt trotz vieler Daten schwer verständlich.

Gerade weltpolitische Krisen, Pandemien, Extremwetterereignisse oder Ressourcenkonflikte zeigen, dass Gesundheits- und Rettungssysteme nicht nur komplex, sondern teilweise auch überraschend fragil sein können.

Für die Bildungsentwicklung bedeutet das:

Curricula sollten nicht nur auf bekannte Anforderungen vorbereiten, sondern Menschen befähigen, auch in brüchigen, emotional belastenden, nicht-linearen und schwer interpretierbaren Situationen handlungsfähig zu bleiben.

Mein Ausgangspunkt

Ich wünsche mir Lernsysteme in der Notfallmedizin, die Menschen befähigen:

  • mit bekannten Veränderungen umzugehen
  • auf unbekannte Entwicklungen vorbereitet zu sein
  • unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben

Deshalb interessiert mich der Weg weg von rein inhaltsgetriebenen Curricula.

Hin zu:

lebendigen, adaptiven Lernsystemen.

Die Entwicklung eines solchen Modells möchte ich hier anstoßen, sichtbar machen und iterativ weiterdenken.

Building in Public.

Quellen

Rettungsdienst, demographischer Wandel und steigende Inanspruchnahme

Buhtz, C., et al. (2022). Utilization of pre-hospital emergency medical services in Germany.

Veser, A., Sieber, F., Groß, S., & Prückner, S. (2015). The demographic impact on the demand for emergency medical services in Bavaria.

Hegenberg, K. et al. (2020). Utilization of pre-hospital emergency medical services.

Moecke, H., et al. (2020). Entwicklung der Frequenz und des Spektrums von Rettungsdiensteinsätzen in Deutschland.

Differenzierte Betrachtung „Bagatelleinsätze“

Nau, L. M., et al. (2024). The Use of Medical Services for Low-Acuity Emergency Conditions.

Roessler, M., et al. (2025). Regional differences, repeated use, and costs of emergency medical services in Germany.

Gesundheitsreformen / Rettungsdienst als Versorgungsbereich

Bundesministerium für Gesundheit. Referentenentwurf Notfallreform.
BMG Notfallreform

VUCA / BANI / Unsicherheit

Halil, F. L. M., Aziz, N. A. A., & Hassan, A. (2025). Navigating Uncertainty: The Role of VUCA and BANI Frameworks in Educational Leadership Strategies.

Piatanom, P. et al. (2025). Enhancing the competitive capacity of educational organizations in VUCA and BANI contexts.